Chaim Soutine‚ Geschlachteter Ochse, 1925

Vom Leben erzählen, und von den Wunden, die es in unser Fleisch sägt, schabt, katzt, schlägt. Am Ende eine offene Wunde, rohes Fleisch, eine Hülle, vergängliche Substanz. Was uns ausmacht, ist in einem Moment gegangen, doch die Erinnerung hängt in Bildern, in Gerüchen, in Geschmäckern, in einem Gefühl von Dauerhaftigkeit, in den Wörtern, die jene die bleiben haben, um nicht zu vergessen. Im Chaos, im Blut, in den Opfern, die gebracht werden, bleibt eine ungeheuerliche Kraft, die wie das Leben selbst wirkt, weil sie immer auf das Individuum zurückweist. 

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Ich weiss nicht, wie sehr Chaim Soutine den Menschen als Opfertier mitgedacht hat, als er seine Serie von geschlachteten, enthaupteten, aufgehängten und ausgeweideten Ochsen gemalt hat. Er hatte sich eine Carcasse des toten Tieres ins Atelier gehängt, um diesen Körper, dieses mächtige und fleischige Gebilde, zu studieren, und auf die Leinwand zu bannen. Sein Vorbild, wird gesagt, war Rembrandts ‚Der geschlachtete Ochse, von 1655. Als würde er von Innen leuchten, scheinen dort Fett, Fleisch und Knochen des aufgebrochen Körpers, der mächtig, bald noch angsteinflössend, befreit von Fell, von Hufen, Kopf und Innereien, beim Schlachter hängt. Eine Frau lugt respektvoll in den Raum, als wäre sie dort eines unheimlichen Geschehens gewahr geworden, das diesen Leib mit einer anderen, einer mächtigeren Geschichte verbindet. Mensch und Tier treffen sich im Anblick des Todes, der Gewalt des einen über das andere, und der Fokus auf die Überlegenheit verschiebt sich in diesem Moment mit einem neuen, einem ehrfurchtsvollen Blick.

ChaimSoutine
Chaim Soutine Geschlachteter Ochse 1925

Soutines Ochse ist Fleisch und Blut, in Form und Farbe. Wie ein entblösster, entleibter Mensch hängt er kopfüber herab, nichts ist fein, nichts leuchtend, rein. Er erzählt von Leid und von Wunden, von Leben und Sterben, von Orten und Erinnerungen, von Vergänglichkeit und Abhängigkeit, von Tod und Auferstehung, in den Worten, die wir ihm geben, in den Worten, mit denen wir Leben erinnern und erzählen. Vorbilder sind auch Erinnerungen, insofern liegt die Nähe zu Rembrandt auf der Hand. Bei Soutine aber weist der Blick auf das geschlachtete und ausgenommene Rind eher in die Zukunft. Er weist auf die Untiefen der Seele, wie sie später etwa Francis Bacon ausdrücken wird, wenn er mit seinen Körpern, den unförmigen Gebilden des Lebens im Tod, eben davon erzählt. Ich glaube Soutines ‚Geschlachteter Ochse‘ ist ein Spiegel in die Welt und auf uns, bis heute, vielleicht gerade heute.