Jacques-Laurent Agasse ‚Nubian Giraffe‘, 1827

Ihre grazilen Beine waren beinahe gebrochen von der langen und beschwerlichen Reise auf dem Rücken eines Kamels. Die starken Seile, mit denen man sie unter dem Bauch dieses Vehikels verschnürt hatte, schnitten sich im Takt der schunkelnden Bewegung des Tieres immer Tiefer in das Fleisch, zogen fest an, rieben in der offenen Wunde, und es fehlte nicht viel, sie hätten die fragilen Knochen des Kalbes bald gefasst und in einem kräftigen Ruck zerrissen. Erst der Nil brachte Erlösung für einige Tage, und ein wenig Erleichterung die Milch der Kühe, die sie auf dem Marsch und der nun folgenden Reise über den Fluss, hinauf nach Alexandria, begleiteten. 

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Auch dieser Sommer in London war trocken, der zweite in Folge, in den Straßen staute sich die Hitze, und man konnte im flirren heisser Luft manchmal den Eindruck haben, in eine Phantasiewelt zu blicken. Vielleicht täuschten auch die Sinne, aber wenn es wahr war, dann erschien dort ein Wesen, das man hier noch nie gesehen hatte. Nichts so massives und doch elegantes, so unförmiges und doch wunderlich perfekt proportioniertes, so natürliches und doch mit seinen Mustern so künstlich wirkendes hatte je diese Stadt, gar dieses Land, betreten.

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Jacques-Laurent Agasse Nubian Giraffe 1827

Es war eine große Parade, Menschen in exotischen Kleidern, Turbanen, Stiefeln, neben ihr, vor ihr, hinter ihr, dort die Kühe, Kutschen und Pferde, Honoratioren, der Zoodirektor des königlichen Privatzoos von Windsor Castle, und an den Straßenrändern zigtausende begeistert entrückte und faszinierte Bürger einer Stadt, der schon in der Eigenwahrnehmung von Kraft und Größe doch wenig fremd zu sein schien. 

Alles war vorbereitet, zwei Pfleger aus der Heimat blieben, um für ihre Gesundheit zu sorgen, und um ihren Kollegen hier die Geschichten zu erzählen, die sie mitgebracht hatten, und in denen dieses wunderliche Tier mit jedem Tag mehr ein Wunder wurde, ein Wunder blieb. Die folgenden Winter waren lang und kalt, und nasses Wetter zog sich durch die Sommer. Es wurde nie richtig trocken in diesen kommenden Jahren. Immer mal wieder konnte man das Tier noch sehen, bald schon konnte es aber nicht mehr laufen, die Wunden an den Beinen wollten nicht verheilen. Immer wieder, und mit Hilfe galgenartiger Gerätschaften, versuchte man es aufzurichten, so weit bis die zarten Beine herabhingen und die Hufe knapp den Boden berührten. Zwei Jahre noch währte das Martyrium.