Paula Modersohn-Becker‚ Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906

Ist das nicht der wunderbarste und selbstverständlichste Ausdruck der sich denken lässt? Was für eine Sicherheit, was für eine Stärke. Ein Blick, der sich voller Stolz an den Betrachter richtet, und voller Fürsorge an das ungeborene Kind. Der Blick, die Schönheit, die Instinkte einer werdenden Mutter, lange bevor sie es war.

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Sie ist Paula Modersohn-Becker, und mit und in diesem Gemälde blickt sie 1906, mit dreißig Jahren, prophetisch in eine freudig erwartete Zukunft. Als das Gemälde entsteht, ist die Malerin weder schwanger, noch sechs Jahre verheiratet, aber ein Jahr später, in ihrem letzten Lebensjahr, werden Titel und Leben sich finden. Im Moment ist sie noch in Paris, mal wieder. In ihrer Traumstadt, einem Zufluchtstort der Farben, der Geräusche und Gerüche, des Lebens, Liebens, Treibens und des Malens. Immer wieder zieht es sie her. Paula Modersohn-Becker will diese Freiheit ganz unbedingt, die so anders ist als die Freiheit der weiten Landschaft um Worpswede und auch so anders als die Freiheit, die ihr Mann, Otto Modersohn, ihr gewährt. In dieser Freiheit also denkt und malt sie sich mit der Unbedingtheit einer Revolution in die Kunstgeschichte. Bald lebensgroß und mit der Sicherheit des künstlerischen wie körperlichen Ausdrucks verkündet sie das ‚Ich‘ zum Zentrum der Schöpfung: ‚Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstag PB’ signiert sie unten rechts. 

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Paula Modersohn-Becker Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag 1906

Alles in diesem Gemälde ist absolute Klarheit. Die Farben, die Flächen, der Blick und die Geschichte sind von so einnehmender Größe und Kraft, dass man sich nicht entziehen kann. Es ist Frühjahr, eine neuer Lebenszyklus beginnt, Die Sonne hat schon die Kraft die Haut zu wärmen und ihr in zartem Rot etwas Farbe einzuhauchen. Licht und Leben vereinen sich zu einer Hoffnung auf das Kommende, die orangene Kette, ein Kreislauf der Neugier, Ausgelassenheit und Jugend, legt sich sanft um den Hals, auf den freien Oberkörper, verbindet Kopf und Brüste wie Psyche und Physis, wie Gedanken und Taten, und mit einem ‚Sie her‘ lädt der Blick ein, auf diesen ersten weiblichen Selbstakt der Kunstgeschichte zu schauen, in dem Bekanntes auf Unbekanntes trifft und die Erzählungen von inneren und äusseren Welten aufeinander. Paula Modersohn-Becker hat sich zeitlebens in ihrem künstlerischen Schaffen immer wieder meisterhaft und eindrucksvoll mit dem Selbstbild beschäftigt. Hier aber erreicht sie eine Meisterschaft, deren eindrucksvolle Kraft darüber hinaus reicht, weil es eben nicht nur um Selbstbild, sondern vor allem um Selbstverständnis geht.