Robert Delaunay ‚Formes circulaires, lune no. 1‘, 1913

Stadt und Natur liegen in einen silbergrauen Film gebadet, durchbrochen nur durch sanfte Schatten von Häusern etwa, oder Bäumen, wie Geister, die regungslos dort stehen, warten. Und schaut man ihren Schatten nach, wie sie in die Ferne gleiten, trifft der Blick die Unendlichkeit des Firmaments, Tiefe, ein schwarzer Glanz, als wäre ein Vorhang gefallen, und nur hier und da schimmern feine, goldene Fäden, fast unsichtbar, vibrierend wie in einem Lufthauch. Es ist Vollmond. Die Dunkelheit ist eine ganz eigene Tageszeit, in der das verborgene, ein zweites Licht die Erde erreicht und alles wie eine Umarmung umschließt. Der Mond nimmt dem Licht der Sonne alle Härte, alle ungezügelte Kraft, die Wildheit, die Hitze, die Unnachgiebigkeit. Er absorbiert es zu einem weissen Glanz, in dem alle Farben gebunden sind. Ein schwebender, fragiler Halo in zartem Grün, Blau und Rot umgibt ihn, wie ein Schutz, eine letzte Instanz, die alle Farben fängt, bevor das Licht die Erde erreicht. 

Anzeigen

In Delaunays Kreisformen (Formes circulaires) spiegelt sich der Blick auf die Natur als Blick auf die Farben und ihre Bewegungen. Das Licht von Sonne und Mond steht dabei stellvertretend für die unterschiedlichen Kräfte und Wahrnehmungswandlungen, die ihr Licht im Zusammenspiel der kosmischen Größen und der menschlichen Beobachtung vollzieht. In seinen Farben vollzieht sich die Aufspaltung der sinnlichen Eindrücke zur Erfahrung des Sehens, und Delaunay gibt diesen Eindrücken die Bewegung des Kreises, einem universellen Rhythmus, einem dauernden Impuls gleich, der alles und alle an sich und in sich bindet. ‚Lune no. 1’ ist vielleicht die klarste, weil auf eine ganz sinnliche Weise einfachste Vision und Version dieser Konzentration auf das Licht und seine Bahnen im Werkkomplex der Kreisformen.

G_16898_u_AK_35##Delaunay-scan_ONLINE
Robert Delaunay, Formes circulaires, lune no. 1, 1913, Öl auf Nessel, 65 cm x 54 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Dauerleihgabe der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München

Dieser Mond, seine Höfe und sein sanftes Leuchten, sind nicht weit von einer ganz bewussten Erfahrbarkeit beim Blick in den Himmel einer kalten Winternacht etwa, in der sich sein Licht in den Eiskristallen der Luft in ganz ferne Regenbogenfarben um ihn herum bricht, bevor es, wie gefiltert und besänftigt, auf die Erde fällt. Und in diesem Licht liegt auch schon die ewige Wahrheit: die Nacht wird sich zum Tag wandeln, die Farbbänder kündigen in ihrem kräftigen Schwung von der Bewegung, der alles unterliegt. Alle Farben liegen im Licht verborgen, und alles Licht ist Farbe im Wandel.