Vorratshaltung vs. Bunkern

Jetzt machen die Geschäfte also auch zu. Supermärkte natürlich nicht, aber vielleicht wird es noch so, daß man nur noch einzeln reingelassen witrd. Wenn es soweit ist oder es zu einer Ausgangssperre kommt, die in Berlin aber eigentlich vermieden werden soll, weil man richtig erkannt hat, daß frische Luft ungefährlicher ist als stickige Räume, möchte ich sowieso nicht mehr einkaufen gehen. Das wäre mir zu gruselig. Von daher bin ich froh, mit meinen Vorräten jetzt erstmal gut zwei Wochen über die Runden kommen zu können. Meine Mutter wird vielleicht morgen schon entlassen. Besuchen könnte ich sie nicht, da das Krankenhaus absolut dicht für Besucher ist und nicht mal eine Person für eine Stunde zugelassen wird. Und mit meiner kleinen Erkältung wäre es für mich sowieso verboten, was ja auch richtig ist. Ich frage mich nur, was mit den Patienten passiert, die so pflegebedürftig sind, daß das Personal das alleine nicht leisten kann und deshalb Angehörige einspringen, so wie damals bei meinem Vater. Vielleicht ist genau für die dann die eine Stunde für eine Person vorgesehen. Mein Bruder erzählte, daß seine Nachbarn die ganze Wohnung mit Vorräten volll haben, es sieht bei ihnen aus wie in einem Lagerhaus – und die Frau geht trotzdem noch jeden Tag einkaufen. Also sowas ist schon wirklich krank, wenn man bereits Monate überleben kann und trotzdem noch alles ranschafft, was man kriegen kann. Und das ist dann der feine Unterschied zwischen intelligenter Vorratshaltung und maßloser Bunkerei. Aber ok, so weiß man wenigstens, wo man im Fall der Fälle plündern gehen sollte (nur ein Scherz).

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Solche Situationen holen immer wieder meinen schwärzesten Humor hervor. Auch bei meiner Erkrankung ging es nicht ohne. Humor ist ein hervorragendes Mittel, um in Krisenzeiten einigermaßen normal und psychisch gesund zu bleiben, deshalb lasse ich ihn mir nicht verbieten. Humor bedeutet nicht unbedingt, etwas nicht ernst zu nehmen, sondern kann auch bedeuten, daß man etwas sehr ernst nimmt und sich genau deshalb durch Humor davon distanziert, um sich seine Handlungsfähigkeit zu erhalten. Aber selbst bei ganz individuellen und persönlichen Krisen gibt es ja diese Leute, die einem vorschreiben wollen, welche Haltung man dazu haben und was man äußern sollte, ja sogar, was man denken sollte. Um wie viel mehr von diesen Moralaposteln finden sich erst in einer kollektiven Krise ein! Dabei gibt es doch so viele individuelle Arten eine Krise zu bewältigen, wie es Menschen gibt.  Es kommt mir so vor, als wäre das Herumgezerre an Leuten, die anders damit umgehen als man es sich selbst wünscht, auch so eine Art Krisenbewältigungsmuster, wenn man Angst hat, sonst die Kontrolle zu verlieren. Nicht daß sich jemand über mich beschwert hätte – ich beobachte sowas gerade nur verstärkt in den sozialen Netzwerken.

Ich habe mir heute einen großen Topf Frühlingssuppe gekocht. Hatte Appetit drauf und zur Zeit eh nicht viel Hunger. Der Topf reicht prima für einige Tage. 17 Grad waren es schon draußen und die Pfirsichblüten bringen den Frühling auf meinen Balkon, ohne daß ich jetzt schon etwas Anpflanzen muß. Im Grunde freue ich mich nun auf ein paar Tage mit mir allein, es ist allerdings schwierig, die Ruhe zu genießen, wenn da doch immer so eine diffuse Sorge um die Familie und die Lieblingsmenschen ist.